Zwischen früher und heute ist das Leben irgendwie passiert
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„Früher habe ich mich manchmal in ein Kaffee gesetzt, einfach nur, weil ich mir die Zeit genommen habe, mir etwas zu gönnen, einen kleinen Augenblick des Lebens. Ich habe kurz auf Pause gedrückt, um die Menschen zu beobachten, die an mir vorbeigezogen sind, gestresst durch Hektik und durchgetakteten Alltag. Früher einmal hatte ich viele Träume, Wünsche und Ziele.
Ich habe mich gefragt, wie es in Torremolinos ausschaut oder Venedig, und habe beschlossen, am Wochenende einfach einen kleinen Ausflug zu machen, 2 Tage sind schließlich besser als ein Stein am Kopf, besser als niemals dort gewesen zu sein, oder?
Denn manchmal ergeben sich Dinge, die man spontan machen könnte, kleine Chancen, die man aber wahrnehmen muss, um sie auskosten zu können.
Aber mit zunehmendem Erwachsensein nutzt man sie immer seltener, nicht, weil es nicht immer noch toll wäre, einfach die Initiative für sich und sein Leben zu ergreifen, sondern weil die Verantwortung auch zunehmend wächst – für Haushalt, Job, Familie und alles andere. Auf dieser Seite gibt es auch immer eine Aufgabe, etwas zu erledigen, das erledigt werden muss, und die eigenen Wünsche können doch noch ein bisschen warten, oder?
Den Sprachkurs, den ich immer machen wollte, kann ich doch noch ein halbes Jahr warten. Den Yogakurs kann ich im Herbst auch noch anfangen. Und irgendwann kommt auch wieder die Zeit, wo ich Freunde öfter sehe oder endlich malen kann, dann kaufe ich mir eine Leinwand und lege los. Ich werde mir nächstes Jahr ein Schlagzeug kaufen und mich austoben!
In der darauffolgenden Zeit ist etwas anderes passiert.
Ich wurde wirklich gut in den Dingen, die ich getan habe, um das Leben am Laufen zu halten. Ich wurde ein Meister im Funktionieren. Ich habe so gut funktioniert, dass ich schon fast stolz auf meine unermüdliche Zuverlässigkeit geworden bin.
Und auf einmal stehe ich im Hier und Jetzt und weiß nicht einmal mehr, wovon ich früher eigentlich geträumt habe, ich weiß gar nicht mehr, was ich alles machen wollte, was ich auf meine Liste gesetzt habe, der unendlich langen Liste von Interessen. Meiner Interessen, meines Lebens.
Und auf einmal sind 10 Jahre um, und man war niemals in Spanien oder in Venedig, hat den Sprachkurs niemals begonnen, den man eigentlich immer schon machen wollte. Ich habe mich für den Yogakurs nie eingeschrieben. Schlagzeug habe ich nie gelernt, nicht einmal einen Drumstick habe ich in der Hand gehalten. Mein Freundeskreis von früher hat sich aufgelöst, nicht, weil wir uns gestritten haben, sondern weil wir uns einfach irgendwann nicht mehr gesehen haben, aus Wochen sind Monate geworden und aus Monaten Jahre. Und in den Jahren danach habe ich einfach keine Zeit gehabt, neue Verbindungen zu knüpfen … ich hatte einfach keine Zeit, weil immer irgendetwas war, um das ich mich kümmern musste.
Und wenn ich so weitermache – wo bin ich dann in ein paar Jahren?
Und noch wichtiger:
Will ich dort wirklich ankommen?“

