Wenn niemand etwas sagt und alle etwas spüren - Wenn ein Konflikt keinen Platz bekommt, beginnt er die Gruppe zu formen
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Über unausgesprochene Konflikte, falsche Loyalitäten und den Mut, als Gruppe Verantwortung zu übernehmen
Vor einiger Zeit kam ein Team zu mir in die Supervision.
Es war kein Team, das „offensichtlich Probleme“ hatte.
Es gab keine offenen Streitgespräche, keine Eskalationen, keine ausgesprochenen Konflikte.
Was es aber gab, war eine spürbare Spannung im Raum.
Man konnte sie nicht greifen – aber sie war da, wie ein feiner Nebel, der sich über alles legt und die Sicht trübt.
Der ursprüngliche Anlass für die Supervision war recht unscheinbar formuliert:
„Irgendwas ist gekippt, die Stimmung ist schwierig geworden.“
Erst nach und nach zeigte sich, was dahinterlag:
Eine Person im Team hatte ein Problem mit zwei anderen.
Was genau passiert war, blieb unklar – denn es wurde nie direkt angesprochen.
Stattdessen wurde der Umgang ein anderer, es entwickelten sich immer mehr Kompensationsverhalten bzw. Strategien,
dem stillen Konflikt Raum zu geben.
Die beiden Betroffenen wurden nicht mehr zu bestimmten Treffen eingeladen.
Es gab immer wieder Nebenabsprachen und informelle Ausschlüsse, die ebenfalls nicht wirklich Ausdruck in der Kommunikation fanden.
Einzelne im Team wussten über Umwege davon – mit dem Hinweis, es nicht weiterzusagen, vor allem nicht mit denen, die offensichtlich davon betroffen waren.
Niemand sprach den Konflikt offen an.
So entstand eine Situation, in der alle etwas spürten – aber niemand etwas sagte.
Was ist dadurch im Team passiert?
In der gemeinsamen Arbeit mit der Gruppe wurde sehr deutlich:
Der eigentliche Konflikt lag nicht mehr nur zwischen diesen drei Personen, sondern hatte begonnen, das gesamte System zu beeinflussen.
Einige Teammitglieder zogen sich zurück.
Andere passten ihr Verhalten an.
Wieder andere waren innerlich hin- und hergerissen zwischen Loyalitäten.
Was mich dabei immer wieder fasziniert, ist dieser Moment, in dem Menschen sagen:
„Ich habe gemerkt, dass etwas nicht stimmt – aber ich wusste nicht, ob ich das sagen darf.“
„Ich habe ja kein Problem mit ihm/ihr, es ist nicht mein Konflikt!“
Genau dort beginnt aber der Unterschied von einer Zweierbeziehung und einer Gruppe, die aus mehreren Personen besteht, denn wenn niemand Verantwortung für das Gemeinsame übernimmt, entsteht eine stille Ordnung, die von Unsicherheit getragen wird und die Dynamik der gesamten Gruppe verändert.
Besonders interessant war auch die Schilderung der beiden ausgeschlossenen Teammitglieder, denn sie wussten bis dahin nicht, was der Auslöser war.
Sie hatten keine Möglichkeit, Stellung zu beziehen.
Sie spürten die Distanz – aber ihnen fehlte der Raum und die Möglichkeit dazu Stellung zu beziehen.
Sie standen vor einer verschlossenen Tür, ohne zu wissen, warum sie zugemacht wurde.
Und gleichzeitig waren sie in einem Dilemma:
Sollten sie das Thema ansprechen – und damit riskieren, jemanden bloßzustellen, der ihnen Informationen anvertraut hatte?
Oder sollten sie schweigen – und die Situation weiter abwarten?
Der Wunsch nach Klärung und Versöhnung stand diametral zu „einem stillen Versprechen“ und der Handlungsunfähigkeit, die daraus resultierte.
Diese Form von Ausschluss ohne Klärung wirkt oft tiefer, als man auf den ersten Blick vielleicht annimmt.
Nicht nur fachlich, sondern auch auf einer persönlichen, emotionalen Ebene.
Die Dynamik dahinter
In der Supervision geht es mir darum, Dinge sichtbar zu machen, denn Ungreifbares bedingt Stillstand. Welche Kräfte haben hier gewirkt?
Konfliktvermeidung – aus dem Wunsch heraus, es nicht „noch schlimmer zu machen“
verdeckte Loyalitäten – sich innerlich auf eine Seite zu stellen, ohne es offen auszusprechen
übernommene Dynamiken – das Verhalten einer Person wird nach und nach von anderen mitgetragen, je nachdem wie stark diese Person ist bzw. was auch ihre Stellung in der Gruppe ist
diffuse Verantwortungsabgabe – alle warten darauf, dass „jemand anderer“ es anspricht
Und genau hier liegt das Kernproblem:
Ein unausgesprochener Konflikt bleibt in einer Gruppe nie privat.
Er verändert die Beziehungen einer ganzen Gruppe untereinander und zueinander.
Was hätte es gebraucht?
Im Laufe der Supervision wurde sehr klar, was sich viele im Team eigentlich gewünscht hätten:
Kein perfektes Verhalten.
Keine Konfliktfreiheit.
Sondern etwas viel Einfacheres – und gleichzeitig so Schwieriges:
Mut.
Mut, zu sagen:
„Ich habe ein Thema mit dir, lass uns drüber reden!“
Mut, als (möglicherweise nicht in erster Linie betroffenes) Teammitglied zu benennen:
„Ich merke, dass hier etwas unausgesprochen ist, das macht etwas mit uns allen, reden wir darüber.“
Mut, sich nicht hinter indirekter Kommunikation zu verstecken,
sondern den Konflikt dorthin zu holen, wo er hingehört:
in einen direkten, respektvollen Austausch.
Was wir daraus lernen können:
Aus dieser Supervision lassen sich einige zentrale Prinzipien ableiten, die für Teams – und genauso für private Gruppen – gelten:
1. Sprecht miteinander, nicht übereinander.
Indirekte Kommunikation schafft Unsicherheit und verstärkt Spannungen.
2. Loyalität heißt nicht, Probleme zu decken.
Echte Loyalität zeigt sich darin, dass man zur Klärung beiträgt, nicht darin sie hinauszuzögern und darauf zu hoffen, dass es sich von alleine legen wird.
3. Übernehmt Verantwortung für die Atmosphäre.
Wenn ein Konflikt die Gruppe beeinflusst, ist er nicht mehr nur Privatsache. Es geht alle etwas an, entweder man ist Teil einer Gruppe oder man ist es nicht, aber wie in jeder Beziehung kann man sich nicht nur die guten Zeiten rauspicken.
4. Benennt, was spürbar ist.
Oft reicht ein Satz wie: „Ich habe das Gefühl, hier liegt etwas in der Luft.“
Bezieht zumindest offiziell Stellung dazu, dass da etwas da ist. Vielleicht könnt ihr es (noch) nicht klären, aber ihr tut zumindest nicht so, als ob alles in Ordnung ist.
5. Erlaubt euch, unbequem zu sein.
Klärung fühlt sich manchmal unangenehm an – ist aber immer heilsamer als dauerhaftes Schweigen. Im Nachhinein kann man sich zumindest nicht selbst zum
Vorwurf machen, man hätte vielleicht doch irgendetwas tun sollen.
Ein Gedanke zum Schluss
Gruppen sind wie ein Stück Stoff.
Wenn an einer Stelle Spannung entsteht und niemand hinschaut,
zieht sie Fäden an anderen Stellen mit und irgendwann ist das Muster nicht mehr das gleiche.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Konflikte entstehen.
Das tun sie immer, das ist etwas natürliches, etwas was völlig in Ordnung ist, denn Menschen harmonieren einfach nicht alle 365 Tage im Jahr miteinander bei jedem Thema. Nicht alle haben die gleichen Werte, Auffassungsgabe und Verständnis dafür was in Ordnung ist und womit man sich schwer tut.
Die entscheidende Frage ist:
Haben wir den Mut, ihnen einen Platz zu geben, bevor sie beginnen, die Beziehung im Verborgenen zu verändern und schlimmstenfalls verbrannte Erde zu hinterlassen?
Oft braucht es nur eine Person dazu.
Eine Person, die beginnt - nicht laut, nicht verletzend, nicht respektlos - dafür aber mutig!

